Momentaufnahme #44
(Und da liegt das fieberkranke Fräulein Wunder nach 3 Stunden tiefen Schlafs, knabbert an einem Apfel und sieht dem tollen Mann beim Verputzen zu. Allerliebst sage ich Ihnen.)
(Und da liegt das fieberkranke Fräulein Wunder nach 3 Stunden tiefen Schlafs, knabbert an einem Apfel und sieht dem tollen Mann beim Verputzen zu. Allerliebst sage ich Ihnen.)
Kurz vor Weihnachten beschlossen der tolle Mann und ich, uns neue Matratzen zu gönnen. Ein Angebot im hiesigen Lebensmitteldiscounter gab uns den entscheidenden Anstoss, da wir schon eine Weile über neues Material nachdenken.
Kurz vor dem Aufbruch fragte mich der tolle Mann noch, ob ich wüsste, wie breit die Matratzen denn nun sein sollten. Ich antwortete im Brustton der Überzeugung ”Einen Meter. Wir haben ein zwei auf zwei Meter Bett.” Der tolle Mann hakte mit einem “Sicher?” und dem Zollstock in der Hand noch einmal nach und ich nickte leicht genervt. Warum glaubt der mir denn nicht?
Gesagt getan. Rein in den Laden, zwei zusammengerollte Matratzen à einen Meter Breite eingeladen und nach Hause gedüst. Wie in der Anleitung beschrieben packten wir die Matratzen aus und stellten sie hochkant zum Entlüften auf. Eine der alten Matratzen packten wir mit noch ein paar anderen, ausrangierten Dingen gleich ins Auto und fuhren sie auf dem Weg zu unserer Frühstücksverabredung auf den Recyclinghof. Was weg ist, ist weg. Die andere Matratze sollte dem Fräulein als Hüpfgelegenheit dienen.
Am Abend, kurz bevor das Fräulein ins Bett gehen sollte, nahmen wir uns dann der Matratzen an. Der geneigte Leser wird es natürlich schon ahnen: Entgegen meiner unumstößlichen Gewissheit, verfügt das Ehepaar Keks nicht über ein zwei Meter sondern über ein einsachtzig Bett. Doof. Gaaaaanz doooof!
Dem tollen Mann sei zugute gehalten, dass er sich jeglichen bissigen oder herablassenden oder wütenden Kommentar sparte. Ich bewundere noch heute seine Contenance.
Nun also die Frage, was wir machen sollen. Für die Nacht wanderte der tolle Mann erst einmal auf die Couch im Wohnzimmer aus und ich durfte auf der verbliebenen Matratze im Schlafzimmer schlafen, allerdings fühlte sich das ganz schon leer an mit nur einem halben Bett und ohne Mann an meiner Seite.
Doch wie nun weiter verfahren. Den tollen Mann stimmte die Aussicht, zwei nun riesige, ausgerollte, aufgeplusterte und zudem recht schwere Matratzen zurück zu bringen nicht gerade fröhlich und so entschieden wir nach einigem Hin und Her, dass wir uns einfach ein passendes Bett zu den Matratzen kaufen werden. Immerhin besitzen wir unser Schlafzimmer nun schon seit 20 (in Worten ZWANZIG!) Jahren und weder Schwarz noch der komische Stoff, mit dem unser Bett bespannt ist, ist noch irgendwie in Mode oder auch nur schön anzusehen.
Bis nach Weihnachten nächtigten wir also noch in unseren provisorischen Behelfsbetten, bis wir dann endlich zum nächstgelegenen Möbelfachmarkt fahren und ein Bett in der Größe zwei auf zwei Meter erstehen konnten. Massivholz. Sofort zum Mitnehmen. Wunderschön.
Noch am selben Nachmittag baute der tolle Mann das Bett auf. Man sollte ja nicht glauben, wie viel zwanzig Zentimeter ausmachen. Der ganze Raum besteht plötzlich nur noch aus Bett. Zudem haben wir uns für eine höhere Variante als unser Vorgängerbett entschieden, allerdings ist das mit Matratze jetzt so hoch, dass ich vorwärts hineinklettern muss, weil ich mit meinen Popöchen nicht ganz hoch komme. Aber trotzdem – Es ist toll!!
Nun liegen wir also im Bett, blicken um uns und stellen fest, dass dieses wunderschöne Bett eigentlich ein schöneres Ambiente verdient hätte. Und immerhin ist das Schlafzimmer der einzige Raum in unserem Häuschen, der noch nie renoviert wurde, seit wir 1992 eingezogen sind. Außerdem regt sich seit November mein Nestbautrieb und ich rede schon wie lange an den tollen Mann ran, dass wir doch noch vor der Geburt von Kind 2.0 das Schlafzimmer runderneuern sollten. Immerhin wird der Zwerg in der Anfangszeit mit uns darin nächtigen.
Inzwischen sind also sämtliche Schränke ausgeräumt und abgeschlagen, die Tapeten von den Wänden gerissen und der Teppichboden zum Teil entfernt (darunter befinden sich, wie in allen Räumen, alte Holzdielen, die nach Abschleifen und Versiegeln wie neu aussehen werden). Leider raffte den tollen Mann eine Grippe dahin und mein Bauch hindert mich auch daran, zu viel am Stück zu tun. So geht es eher schleppend voran. Ich versuche allerdings, das Endprodukt nicht aus den Augen zu verlieren. Es wird ganz toll. Mit grüner Schlammfarbe hinter dem Bett und neuen Schränken, die wir auch noch in dem tollen Möbelgeschäft zusammen mit des Fräuleins neuem Hochbett erstehen werden.
Hach, besser und trickreicher hätte ich dem tollen Mann ein neues Schlafzimmer gar nicht unterjubeln können.
Ich wusste gerade mal zwei Tage, dass ich mit Kind 2.0 schwanger bin, als mich ein Anruf meiner Chefin erreichte, die mir mitteilte, dass meine Arbeitsstelle nach Mönchengladbach verlegt werden soll. Der Standort Mannheim, sowie einige Einheiten in Frankfurt und Hamburg werden geschlossen und etwa 300 Mitarbeiter damit freigesetzt.
Ich hörte danach öfter den Satz “Na, da hast du dir aber den richtigen Zeitpunkt zum Schwangerwerden ausgesucht.”. Allerdings hält dieses Argument bei näherer Betrachtung nicht wirklich stand. Gut, ich hatte sowieso vor für ein paar Jahre unentgeltlich zu Hause zu bleiben, aber auch ich verliere meinen Arbeitsplatz und habe somit keinen Ort, an den ich nach meiner Elternzeit zurückkommen kann. Vielleicht muss ich mich mit den ganzen Der-letzte-macht-das-Licht-aus-Szenarien nicht auseinander setzen, aber trotzdem trifft es auch mich.
Ich weiß, dass ich in der glücklichen Lage bin, einen Mann zu haben, der uns im Notfall über eine gewisse Zeit versorgen kann. Alleinverdiener sind von dieser Schließung also wesentlich stärker betroffen. Auch muss ich keine Entscheidung treffen, ob ich meinen Wohnort verlasse und damit mein soziales Umfeld und alles was ich kenne aufgebe, um in das wunderschöne Mönchengladbach umzusiedeln.
Aber auch meinen Arbeitsplatz gibt es dann nicht mehr und damit verschwindet auch die tolle Möglichkeit recht flexibel, mit einem guten Gehalt und vorhandenem Know-how wieder einzusteigen.
Demnach war mein letzter Arbeitstag, bevor ich mich in die Elternzeit verabschiede, auch mein allerletzter Arbeitstag in meiner Firma. Über 22 Jahre war ich dort beschäftigt. Wurde dort ausgebildet und habe sämtliche Höhen, Tiefen und Besitzerwechsel mitgemacht. Ich habe mich immer wieder auf Neues eingestellt, mich über manche Änderungen gefreut und manche eher kritisch betrachtet. Aber irgendwie war es doch immer mein berufliches Zuhause, wenn ich das mal so nennen darf.
Mit dem heutigen Tag kehre ich also meinem Arbeitgeber den Rücken und habe keine Ahnung, was in zwei bis drei Jahren auf mich zukommen wird. Ich habe seit über zwanzig Jahren keine Bewerbung mehr geschrieben. Ich habe keine Ahnung, wie man sich heutzutage auf dem Arbeitsmarkt präsentiert. Wie stehen die Chancen, als Mutter mit zwei kleinen Kindern eine Halbtagsstelle zu bekommen? Wie komme ich mit komplett neuen Arbeitsabläufen, EDV-Systemen und Firmenideologien zurecht? Fragen über Fragen, denen ich im Moment noch gelassen entgegen sehe, aber irgendwann werde ich mich ihnen stellen müssen.
Und so habe ich mich heute etwas wehmütiger als sonst verabschiedet, auch wenn mir noch für zwei Jahre die Möglichkeit offen stehen wird, meine ehemaligen Kollegen zu besuchen und sich somit erst einmal für mich nichts sichtbar ändern wird.
Aber es war eben der allerletzte Tag an meinem Arbeitsplatz und es gibt keinen Weg zurück.
Der 24. Dezember ist seit drei Jahren, also seit das Fräulein auf der Welt ist, auch im Hause Keks hektischer geworden. Früher verbrachten der tolle Mann und ich den Heiligabend getrennt bei unseren jeweiligen Familien und ich hatte somit lediglich ein paar Geschenke einzupacken.
Jetzt möchte aber natürlich keine unserer Familien am Heiligabend auf das Fräulein Wunder verzichten und somit findet der Abend nun in unserem Wohnzimmer statt.
Idealerweise haben wir uns darauf geeinigt, dass jeder etwas mitbringt, so dass für uns im günstigsten Fall das Umräumen des Wohnzimmers und das Decken des Tisches übrig bleibt.
Dieses Jahr nun am 23. Dezember die Hiobsbotschaft: Die Patentante inklusive Kartoffelsalat fällt aus. Noro-Virus. Hmmmmmm.
Mein Plan im Kopf für den 24. Dezember wird damit ordentlich durcheinander gewürfelt. Zum Abholen von Brot und Fleisch für den 1. Weihnachtsfeiertag (an dem ich die Familie des tollen Mannes traditionell bekoche), gesellt sich damit nun auch noch das Einkaufen der benötigten Kartoffelsalat-Zutaten, inklusive intensiver Chefkoch.de-Recherche für das ideale Rezept. Zu allem Übel hat der kleine Lebensmittelladen in unserem Dorf keine festkochenden Kartoffeln, also stürzte ich mich morgens um zehn in den großen Lebensmitteldiscounter etwas außerhalb des Ortes.
Nach der Rückkehr und einem schnellen Frühstück, wird das Rotkraut (auch für den 1. Weihnachtsfeiertag) geschnitten und mariniert (merke: ein 3 Kilo-Kopf für 4 1/2 Personen ist viel zu viel), während die abgekochten Kartoffeln auf der Terrasse etwas abkühlen. Danach wird der Kartoffelsalat nach Rezept zubereitet, dann der Nachtisch für den Abend angerührt, in Förmchen gefüllt und ebenfalls auf der Terrasse zwischengeparkt. Irgendwo dazwischen erleide ich einen kleinen Nervenzusammenbruch (ich erwähnte bereits, dass Schwangere zu extremen Gefühlsausbrüchen neigen?). Währenddessen räumt und saugt der tolle Mann das Wohnzimmer gemeinsam mit dem Fräulein und schleppt Stühle und Getränke aus dem Keller.
Mittlerweile ist es schon Zeit für des Fräuleins Mittagsschlaf geworden (und auch in Echt vergeht die Zeit so schnell!). Auch dieser Zeitpunkt ist sorgfältig ausgewählt, denn um vier Uhr stehen die Eltern-Keks vor der Tür, um das Fräulein und mich für die Kirche abzuholen. Also um eins noch ein paar Nudeln mit Ketchup und eine Birne für das Kind, danach ins Bett – So der Plan.
Tatsächlich bekommt das Fräulein Wunder einen Wutanfall ersten Grades, weil sie gar nicht einsehen will, dass sie jetzt ins Bett soll (obwohl sie todmüde ist, versteht sich, was als Grundvoraussetzung für einen ordentlichen Wutanfall natürlich optimal ist). Sie tobt gute zwanzig Minuten und braucht noch einmal beinahe eine halbe Stunde, bis sie dann schlussendlich erschöpft im Bett liegt. Der Zeitplan ist damit bereits um über eine Stunde überschritten.
Auch ich erlaube mir nun, mich eine halbe Stunde hinzulegen. Kind 2.0 strampelt mich in ein kurzes Nickerchen.
Dann aber schnell wieder raus, noch ein paar Geschenke einpacken, Küchentisch ins Wohnzimmer schleppen, Tisch mit dem besten Porzellan und Kristall eindecken und letzte Details checken. Und Rucki-Zucki ist es bereits nach halb vier und das Fräulein Wunder schlummert immer noch selig. Also das Kind möglichst sanft aber schnell wecken (mit dem Hinweis, dass sie jetzt gleich ein Kleidchen anziehen darf, geht das erstaunlich gut), Fräulein schick machen, ihr die Schuhe anziehen, da klingelt es schon an der Tür.
Ich überlasse das Fräulein Wunder meinen Eltern und des tollen Mannes Tante, verspreche, dass ich ganz schnell nachkomme und hetze dann unter die Dusche. Um viertel vor Fünf betrete auch ich die bis unter die Decke volle Kirche und lasse mich erschöpft auf den für mich reservierten Platz sinken.
Ab jetzt wird es ruhiger und schöner. Alles ist vorbereitet und falls doch noch etwas fehlt ist es jetzt sowieso nicht mehr zu ändern.
Das Fräulein Wunder ist hin und weg vom Krippenspiel. So fragt sie mich zwischendurch leise, ob die Engel gleich wegfliegen, was die Hirten da in ihrer Pfanne kochen, singt laut “Laterne, Laterne” als die Schauspieler mit strahlenden Sternenlaternen an uns vorbei ziehen und gerät in vollständige Verzückung, als ein Kamel in Originalgröße hereingerollt wird.
Den gesamten Gottesdienst verbringt das Fräulein stehend auf meinen Knien, weil sie nicht dazu zu bewegen ist, sich auf einen für die Kinder von der Pfarrerin reservierten Plätze in den ersten beiden Reihen niederzulassen.
Danach nach Hause und welch Wunder, der Keks-Bruder ist bereits eingetroffen, auch der Schwiegerpapa inklusive Hund klingelt gleich darauf und somit können die Erwachsenen alle im Wohnzimmer Platz nehmen. Das Glöckchen klingelt und ich habe eine köstliche Stunde nichts weiter zu tun, als mich auf der Couch zu lümmeln, ab und an ein Foto zu knipsen und ansonsten dem vollkommen verzückten Fräulein beim Auspacken der Geschenke zuzusehen. Hach!
Danach wird gegessen. Die Keks-Mama und ich braten Würstchen, richten den Kartoffel- und Feldsalat, der tolle Mann sorgt währenddessen für Nachschub bei den Getränken. Alles läuft bestens. Das Fräulein ist sogar dazu zu bewegen, für kurze Zeit ihren neuen Kaufladen alleine zu lassen und in Windeseile eine Bratwurst zu verschlingen, bevor sie den halben Tisch wieder dazu auffordert, bei ihr einzukaufen.
Auch der Nachtisch ist ein Gedicht, ich bin rundum satt und zufrieden, spüre allerdings mein Kreuz und meine Füße kaum noch, dafür spannt der dicke Bauch. Um zehn verabschieden sich schließlich die Gäste und das Fräulein Wunder geht freiwillig ohne Sandmann ins Bett.
Um halb elf breche ich dann schlussendlich seufzend aber glücklich auf der Couch zusammen.